Die Geschichte der Musikdose

Ein Federwerk bringt die Walze zum Drehen. Die Stifte auf der Walze versetzen die stählernen Lamellen des Stimmkamms in Schwingungen. So entsteht Musik.

Seit über 200 Jahren gehen diese ersten künstlich gespeicherten Melodien als Musikwerke aus der Schweiz in die ganze Welt und finden damals wie heute ihre begeisterten Liebhaber.

Es war im Jahre 1796, als der Genfer Uhrmacher Antoine Favre die bis dahin in Uhren gebräuchlichen Glocken und Hämmer durch einen Stimmkamm aus Stahl ersetzte, dessen Lamellen von den Stiften einer Walze aufgeworfen wurden. Diese Neuerung erlaubte es, wesentlich präzisere Töne zu erzeugen und die Arrangements der Musikstücke reicher zu gestalten, denn der Stimmkamm limitierte die Anzahl der Töne nicht. Außerdem konnten die Musikwerke sowohl in große Dosen, Wanduhren oder Automaten, aber auch in kleinste Tabaksdosen, Siegelringe, ja sogar Uhrenschlüssel etc. eingebaut werden.

Die Lammellen (- oder Stimmzähne) waren zunächst als Elemente a zwei Lamellen auf der Platine aufgeschraubt. Später (um 1814) wurden diese von François Lecoultre in Genf durch einen einteiligen Stimmkamm ersetzt, was den Klang verbesserte, aber auch das Stimmen des Kammes und die Montage wesentlich erleichterte.
Etwa um die gleiche Zeit erfand Lecoultre auch die "Dämpfer", mit denen er die Unterseiten der Lamellen belegte, um ein unerwünschtes Nachvibrieren zu vermeiden und damit den Klang zu verbessern. Sie waren zunächst aus Gänse- oder Hühnerfedern, später aus Metall oder Kunststoffen. Außerdem war Lecoultre der erste, der die Lamellen mit Messing-, später mit Bleigewichten belud um beliebig tiefe Töne zu erzeugen.

Ebenfalls in dieser Epoche wurde ein Mechanismus entwickelt, der den Zylinder mit jeder Umdrehung um einige Zehntel Millimeter verschiebt, so dass andere, mit mathematischer Präzision angeordnete Stifte die Lamellen aufwerfen und somit verschiedene Stücke auf einer Walze gespielt werden konnten. Dieses Prinzip der „Wechselwerke" wird heute noch in den größeren Modellen realisiert.

Von da an schritt die Entwicklung schnell voran. Den Einsatzmöglichkeiten der Musikwerke waren keine Grenzen gesetzt. So wurden diese  in Kombination mit Glocken, Trommeln und einer Art Akkordeon zu großen Orchesterspieldosen kombiniert, die man "Voix Celestes" (himmlische Stimmen) nannte. Diese begründeten den Begriff der „Himmelsmusik“ aus der Schweiz. Durch mehrteilige oder auch auswechselbare Zylinder konnten beliebig viele, aber auch einzelne Stücke von bis zu einer halben Stunde Dauer gespielt werden.

Die zunächst in Genf blühende Musikdosenindustrie verlagerte sich ab dem Jahre 1815 nach Sainte-Croix hoch in den Neuenburger Bergen, wo sie die bis dahin vorherrschende Spitzenklöpplerei verdrängte. In Genf schließlich fasste vorrangig die Uhrenindustrie Fuß.

Um das Jahr 1850 gab es in Sainte-Croix und den umliegenden Orten bereits über 30 Manufakturen. Die Jahresproduktion belief sich auf etwa 35.000 Stücke, welche mit der aufkommenden Eisenbahn auch in alle Welt exportiert wurden. Jeder Hersteller versuchte, sich durch eigene Klangkreationen in Form von Stimmungen und Arrangements von der Konkurrenz abzuheben. Die bekanntesten „Klangprinzipien“ waren das „Forte-Piano“, die „Mandoline“, das „Piccolo“ und schlussendlich - gewissermaßen als Quintessenz - die „Sublime Harmonie“, welche ab 1890 in den großen Musikdosen der Manufakturen von Paillard und Mermod Frères realisiert wurde und bis heute in den großen Musikdosen von REUGE fortbesteht.

Um das Jahr 1889 erfand Paul Wendland in Leipzig ein Spielwerk, bei dem die Lamellen durch eine perforierte Metallplatte durch Umlenkung (mittels Sternräder) zum Schwingen gebracht wurden. Die Metallplatten hatten den Vorteil, einfach und billig hergestellt werden zu können und man konnte die Platten beliebig nachkaufen. Dieses Prinzip setzte sich schnell durch und wurde von kleinen tragbaren „Plattenspielern“ bis hin zu großen Tanzmusikdosen, die die Platten automatisch wechselten (- und somit die Vorläufer der Jukebox waren), eingebaut.

Im Jahre 1895 erfand der Münchner Demmering ein Spielwerk, bei dem die Walze oder die Metallplatte durch einen gelochten Papierstreifen ersetzt wurde. Dieser konnte beliebig lang sein und war billig in der Herstellung. Dieses Prinzip fand auch Einzug bei der Herstellung der Drehorgeln und Orchestrions.

Die Erfindung des Phonographen durch Edison gegen Ende des 19. Jahrhunderts, die Erfindung des Radios und die beiden Weltkriege stürzten die bis dahin in Genf und Sainte-Croix blühende Industrie wiederholt in schwere Krisen. Von den zahlreichen Unternehmen hat bis heute lediglich eine Fabrik, die noch bedeutende Musikwerke herstellt, überlebt: Die Firma REUGE in Sainte-Croix. Kleine und billige Spielwerke werden heute außer in der Schweiz noch in Fernost massenhaft hergestellt.